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Pressemitteilung
Wissen­schafts­preise der Weinhei­mer Hector Stiftung gehen an die Mathe­ma­ti­ke­rin Prof. Anna Wienhard und den Bioche­mi­ker Prof. Chris­tian Haass

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30. Januar 2023

Inter­dis­zi­pli­näre Forschung immer im Blick

Wissen­schafts­preise der Weinhei­mer Hector Stiftung gehen an die Mathe­ma­ti­ke­rin Prof. Anna Wienhard und den Bioche­mi­ker Prof. Chris­tian Haass für ihre heraus­ra­gen­den Forschungen

Weinheim. Prof. Dr. Anna Wienhard (Leipzi­ger Max-Planck-Insti­tut für Mathe­ma­tik in den Natur­wis­sen­schaf­ten) und Prof. Dr. Dr. h.c. Chris­tian Haass (Ludwig-Maximi­li­ans-Univer­si­tät München und Deutsches Zentrum für Neuro­de­ge­nera­tive Erkran­kun­gen (DZNE)) erhal­ten in diesem Jahr den mit jeweils 150.000 Euro dotier­ten Wissen­schafts­preis der Weinhei­mer Hector Stiftung. Damit würdigt die Jury die heraus­ra­gen­den Forschun­gen der 45-jähri­gen Mathe­ma­ti­ke­rin, die in Gießen geboren wurde und von 2012 bis 2022 an der Ruprecht-Karls-Univer­si­tät in Heidel­berg lehrte, sowie des 1960 in Mannheim gebore­nen Biochemikers.

Chris­tian Haass begann Anfang der 1990er-Jahre, sich mit dem Eiweiß­stoff Amyloid-Beta-Peptid zu befas­sen: Bei Menschen mit Alzhei­mer verklumpt dieses Molekül und lagert sich in Form sogenann­ter Plaques im Hirnge­webe zwischen den Nerven­zel­len ab. Diese Ablage­run­gen führen zu Entzün­dungs­pro­zes­sen und tragen schließ­lich zum Abster­ben der Nerven­zel­len bei, was die typischen Symptome der Alzhei­mer-Erkran­kung verur­sacht: Gedächtnis‑, Orien­tie­rungs- und Sprach­stö­run­gen, Störun­gen des Denk- und Urteils­ver­mö­gens sowie Verän­de­run­gen der Persön­lich­keit. Entge­gen der damali­gen Auffas­sung konnte Haass nachwei­sen, dass das Amyloid nicht notwen­di­ger­weise Bestand­teil krank­haf­ter Prozesse ist, sondern auch im gesun­den Gehirn vorkommt. Heute wird daher angenom­men, dass bei einer Alzhei­mer-Erkran­kung die Konzen­tra­tion dieses Prote­ins erhöht oder dessen Abbau gestört ist. Haass ebnete mit seinen Forschun­gen den Weg für neue thera­peu­ti­sche Ansätze. Später unter­suchte Haass auch die Rolle der Immun­zel­len des Gehirns. Dabei fand er heraus, dass vor allem im frühen Krank­heits­sta­dium die Konzen­tra­tion des sogenann­ten TREM2-Prote­ins im Nerven­was­ser zunimmt. Insofern könnte TREM2 als Biomar­ker (typische messbare Verän­de­rung) dienen und dazu beitra­gen, Alzhei­mer bereits im Frühsta­dium und noch vor dem Auftre­ten von Sympto­men zu erkennen.

Anna Wienhard ist eine der weltweit führen­den Mathe­ma­ti­ke­rin­nen auf dem Gebiet der Diffe­ren­ti­al­geo­me­trie. In ihrer Forschung spielen Symme­trien und ihre Wirkungs­weise in topolo­gi­schen und geome­tri­schen Räumen eine zentrale Rolle. Dabei geht es also nicht nur um Höhe, Breite und Tiefe, sondern auch um die Anord­nung von Objek­ten im Raum. Einer ihrer Schwer­punkte liegt auf dem Gebiet der höheren Teich­mül­ler­theo­rie, welches sie mitbe­grün­det hat. Sie engagiert sich zudem für die enge Verknüp­fung von mathe­ma­ti­scher Grund­la­gen­for­schung mit anderen Wissen­schaf­ten. Hierbei stehen die Wechsel­wir­kun­gen mit der theore­ti­schen Physik, insbe­son­dere bei der Unter­su­chung von Quanten­feld­theo­rien, sowie die Anwen­dun­gen in der Daten­ana­lyse und im maschi­nel­len Lernen im Vorder­grund. In den vergan­ge­nen Jahren nahm Wienhard eine wichtige Rolle beim Aufbau des stark inter­dis­zi­pli­nä­ren Exzel­lenz­clus­ters „Struc­tures“ an der Univer­si­tät Heidel­berg ein. Auch wenn sie sich selbst eher als theore­ti­sche Mathe­ma­ti­ke­rin beschreibt, sieht sie in der Verbin­dung mit Wissen­schaft­lern anderer Berei­che ein großes Poten­tial, um Anwen­dun­gen mathe­ma­ti­scher Konzepte jenseits der bekann­ten mathe­ma­ti­schen Metho­den zu erforschen.

Nachdem die Verlei­hung der Hector Wissen­schafts­preise in den vergan­ge­nen zwei Jahren wegen der Corona-Pande­mie nur im virtu­el­len Rahmen statt­fin­den konnte, trafen sich der Vorstand der Stiftung und frühere Preis­trä­ger diesmal wieder im Hotel „Europäi­scher Hof“ in Heidel­berg. Stifter Dr. h.c. Hans-Werner Hector hieß die beiden neuen Preis­trä­ger im Kreis der nunmehr 28 „Hector Fellows“ willkom­men. Wie Stiftungs­vor­stand Horst-Bodo Schauer erklärte, sollen künftig jedes Jahr zwei Perso­nen mit dem Hector Wissen­schafts­preis ausge­zeich­net werden, um die nachhal­tige Entwick­lung der „Hector Fellow Academy“ zu sichern, in der sich die Preis­trä­ger gemein­sam für inter­dis­zi­pli­näre Spitzen­for­schung und Nachwuchs­förderung in Deutsch­land engagieren.

Interdisziplinäre Forschung immer im Blick - Wissenschaftspreise der Weinheimer Hector Stiftung gehen an die Mathematikerin Prof. Anna Wienhard und den Biochemiker Prof. Christian Haass für ihre herausragenden Forschungen

v.l.: Dr. h.c. Hans-Werner Hector, Prof. Anna Wienhard und Prof. Chris­tian Haass

Über Anna Wienhard
Anna Wienhard, geboren 1977 in Gießen, promo­vierte 2004 an der Rheini­schen Fried­rich-Wilhelms-Univer­si­tät Bonn. Sowohl 2005/2006 als auch von 2009 bis 2012 wurde sie an das Insti­tute for Advan­ced Study in Prince­ton einge­la­den. Von 2007 bis 2012 war sie Assistant Profes­sor an der Prince­ton Univer­sity. Ab 2012 hatte Wienhard den Lehrstuhl für Diffe­ren­ti­al­geo­me­trie an der Ruprecht-Karls-Univer­si­tät Heidel­berg inne. Seit 2013 war sie zudem assozi­ier­tes Mitglied des Inter­dis­zi­pli­nä­ren Zentrums für wissen­schaft­li­ches Rechnen und seit 2015 Gruppen­lei­te­rin am Heidel­ber­ger Insti­tut für Theore­ti­sche Studien. Ab 2020 leitete sie als Direk­to­rin die „Research Station Geome­try and Dynamics“ an der Univer­si­tät Heidel­berg. Nach einem erneu­ten Gastauf­ent­halt am Insti­tute for Advan­ced Study in Prince­ton wechselte sie Ende 2022 an das Leipzi­ger Max-Planck-Insti­tut für Mathe­ma­tik in den Naturwissenschaften.

Wienhard erhielt zahlrei­che Ehrun­gen und Preise, unter anderem einen ERC Conso­li­da­tor Grant und einen ERC Advan­ced Grant des Europäi­schen Forschungs­ra­tes. Sie ist Fellow der Ameri­can Mathe­ma­ti­cal Society und Mitglied sowohl der Heidel­ber­ger und der Berlin-Branden­bur­gi­schen Akade­mien der Wissen­schaf­ten als auch der European Academy of Sciences.

Über Chris­tian Haass
Chris­tian Haass, geboren 1960 in Mannheim, studierte Biolo­gie in Heidel­berg. Danach forschte er in den USA an der Harvard Medical School und wurde dort schließ­lich Assis­tenz­pro­fes­sor für Neuro­lo­gie. Es folgte eine Profes­sur am Zentral­in­sti­tut für Seeli­sche Gesund­heit in Mannheim (Univer­si­tät Heidel­berg). Im Jahre 1999 wurde er Lehrstuhl­in­ha­ber für Bioche­mie an der Ludwig-Maximi­li­ans-Univer­si­tät (LMU) München und Leiter der Abtei­lung Stoff­wech­sel­bio­che­mie. Seit 2009 ist Haass zudem Sprecher des DZNE-Stand­orts München.

Für seine Forschung wurde Chris­tian Haass schon mehrfach geehrt – unter anderem mit dem Leibniz-Preis der Deutschen Forschungs­ge­mein­schaft (DFG), dem Brain Prize – der weltweit bedeu­tends­ten Auszeich­nung für Hirnfor­schung – sowie dem Piepen­b­rock-DZNE-Preis. Chris­tian Haass ist zudem Mitglied der Natio­na­len Akade­mie der Wissen­schaf­ten Leopol­dina und der Bayeri­schen Akade­mie der Wissen­schaf­ten sowie Ehren­dok­tor der Univer­si­tät Zürich.

Alle „Hector Fellows“ auf einen Blick

  • Preis­ver­lei­hung 2009: Prof. Dr. Doris Wedlich (†), Prof. Dr. Peter Gumbsch und Prof. Dr. Martin Wegener (alle Karls­ru­her Insti­tut für Technologie)
  • Preis­ver­lei­hung 2010: Prof. Dr. Manfred Kappes (Karls­ru­her Insti­tut für Techno­lo­gie), Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Franz Nestmann (Karls­ru­her Insti­tut für Techno­lo­gie) und Prof. Dr. Thomas Elbert (Univer­si­tät Konstanz)
  • Preis­ver­lei­hung 2011: Prof. Dr. Stephen Hashmi (Ruprecht-Karls-Univer­si­tät Heidel­berg), Prof. Dr. Jürg Leuthold (Karls­ru­her Insti­tut für Techno­lo­gie) und Prof. Dr. Jens Timmer (Albert-Ludwigs-Univer­si­tät Freiburg)
  • Preis­ver­lei­hung 2012: Prof. Dr. Hilbert von Löhney­sen (Karls­ru­her Insti­tut für Techno­lo­gie), Prof. Dr. Axel Meyer (Univer­si­tät Konstanz) und Prof. Dr. Nikolaus Pfanner (Albert-Ludwigs-Univer­si­tät Freiburg)
  • Preis­ver­lei­hung 2013: Prof. Dr. Immanuel Bloch (Ludwig-Maximi­lian-Univer­si­tät München), Prof. Dr. Günter M. Ziegler (Freie Univer­si­tät Berlin) und Prof. Dr. Eberhart Zrenner (Eberhard-Karls-Univer­si­tät Tübingen)
  • Preis­ver­lei­hung 2014: Prof. Dr. Antje Boetius (Univer­si­tät Bremen), Prof. Dr. Chris­toph Klein (Ludwig-Maximi­li­ans-Univer­si­tät München) und Prof. Dr. Karl Leo (Techni­sche Univer­si­tät Dresden)
  • Preis­ver­lei­hung 2015: Prof. Dr. Eva Grebel (Ruprecht-Karls-Univer­si­tät Heidel­berg) und Prof. Dr. Dr. Thomas Lengauer (Max-Planck-Insti­tut für Infor­ma­tik, Saarbrücken)
  • Preis­ver­lei­hung 2016: Prof. Dr. Peter Hegemann (Humboldt-Univer­si­tät Berlin)
  • Preis­ver­lei­hung 2017: Prof. Dr. Ralf Barten­schla­ger (Ruprecht-Karls-Univer­si­tät Heidelberg)
  • Preis­ver­lei­hung 2018: Prof. Dr. Brigitte Röder (Univer­si­tät Hamburg)
  • Preis­ver­lei­hung 2019: Prof. Dr. Bernhard Schöl­kopf (Max-Planck-Insti­tut für Intel­li­gente Systeme Tübingen)
  • Preis­ver­lei­hung 2020: Prof. Dr. Wolfgang Werns­dor­fer (Karls­ru­her Insti­tut für Technologie)
  • Preis­ver­lei­hung 2021: Prof. Dr. Patrick Cramer (Max-Planck-Insti­tut für biophy­si­ka­li­sche Chemie Göttingen)
  • Preis­ver­lei­hung 2022: Prof. Dr. Katrin Amunts (Heinrich-Heine-Univer­si­tät Düssel­dorf und Forschungs­zen­trum Jülich)
  • Preis­ver­lei­hung 2023: Prof. Dr. Anna Wienhard (Max-Planck-Insti­tut für Mathe­ma­tik in den Natur­wis­sen­schaf­ten, Leipzig) und Prof. Dr. Dr. h.c. Chris­tian Haass (Ludwig-Maximi­li­ans-Univer­si­tät München)

Presse­mit­tei­lung der Hector Stiftung II