Entwicklung kovalenter quantenmechanischer Modellsysteme
Hector Fellow Manfred Kappes
Hector RCD Awardee Philip Willke
Das Projekt entwickelt kovalent verknüpfte Porphyrin‑Spin‑Ketten auf ultradünnen Isolatoren, um Designer‑Quanten‑Modellsysteme zu realisieren. Durch die Kombination von Low‑Energy‑Electrospray/Ion‑Beam‑Deposition (LEIBD) mit ESR‑STM werden massenselektierte Metall‑Tetraphenyl‑Porphyrin‑Fragmente gezielt auf MgO/Ag(100) bzw. NaCl/Au(111) abgeschieden und zu Dimeren bzw. kurzen 1‑D‑Arrays (2–6 Einheiten) zusammengefügt. Site‑resolved Spectroskopie liefert g‑Faktor, Austausch‑ und Dipol‑Kopplungen; mittels gepulster ESR (Rabi, Ramsey, Echo) wird die kohärente Kontrolle der emergenten Spin‑Hamiltonian demonstriert. Das Vorhaben verbindet chemische Präzision mit langer Spin‑Koherenz und schafft eine allgemein anwendbare Plattform für molekulare Quantensimulatoren.
Das Projekt zielt darauf ab, kovalent verknüpfte Porphyrin‑Spin‑Ketten auf ultradünnen Isolatoren zu erzeugen und damit Designer‑Quanten‑Modellsysteme zu realisieren. Auf herkömmlichen Metalloberflächen wie Au(111) können atomar präzise Spin‑Lattices durch on‑surface‑Synthese gebaut werden, doch die starke Hybridisierung mit den Metall‑Elektronen verkürzt die Spin‑Lebenszeiten drastisch. Dünne Isolatorschichten wie MgO/Ag(100) oder NaCl/Au(111) entkoppeln die Spins von den Leitern und ermöglichen ESR‑STM mit MHz‑Linienbreiten, jedoch lassen sie die metal‑katalysierten Kopplungsreaktionen, die für lange Strukturen nötig sind, nicht zu. Die zentrale Herausforderung besteht daher darin, chemisch definierte, kovalente Spin‑Ketten zu erzeugen, die gleichzeitig auf einer decouplenden Oberfläche liegen und lange Kohärenzzeiten besitzen.
Im ersten Arbeitsschritt wird die massenselektive Soft‑Landing‑Methode (LEIBD) eingesetzt. Metall‑Tetraphenyl‑Porphyrine, beispielsweise FeTPP, werden entweder per Elektronen‑Impact‑Ionisation (EI) oder Electrospray‑Ionisation (ESI) ionisiert, massenselektiert und mit niedrigen Aufprallenergien auf die Insulator‑Filme abgeschieden. Durch systematisches Variieren von Aufprallenergie, Substrat‑Temperatur und Nach‑Annealing wird ein Ertrags‑Diagramm für Dimere und Ketten erstellt. Parallel wird ein Referenz‑Set intakter FeTPP‑Moleküle thermisch evaporiert, um ihre Adsorptionsgeometrie, elektronischen Zustände und Einzel‑Spin‑Eigenschaften zu charakterisieren. Diese Referenzdaten dienen als Benchmark für die späteren, verbundenen Systeme.
Die spin‑sensible Charakterisierung erfolgt mit ESR‑STM. Dabei werden g‑Faktor, Zero‑Field‑Splitting sowie Austausch‑ und Dipolkoppeln zwischen benachbarten Porphyrinen ermittelt. Pulsierte Mikrowellen‑Sequenzen (Rabi‑, Ramsey‑ und Hahn‑Echo‑Pulses) ermöglichen die Bestimmung von T₁‑ und T₂‑Zeiten und die Umsetzung quantenlogischer Operationen, wodurch die kohärente Kontrolle des emergenten Spin‑Hamiltonians demonstriert wird. Ergänzend werden die experimentellen Ergebnisse durch exakte Diagonalisierung von Heisenberg‑Modellen theoretisch beschrieben; so können Vorhersagen für Edge‑States und Magnon‑/Spinon‑Bänder geprüft werden.
Die Arbeit ist in drei Work‑Packages gegliedert. Das erste (WP 1, Leitung Willke) liefert eine umfassende Referenzdatenbank für intakte FeTPP auf Metall‑ und Isolator‑Oberflächen, inklusive STS, IETS und CW‑ESR‑Messungen. Das zweite (WP 2, Leitung Kappes) optimiert die LEIBD‑Parameter, erstellt quantitative Yield‑Karten für offene‑End‑Porphyrin‑Fragmente und analysiert strukturell die resultierenden Dimere und Ketten auf HOPG, Au(111) sowie den abschließenden MgO/Ag‑ und NaCl/Au‑Filmen. Das dritte Paket (WP 3, gemeinsames Team) kümmert sich um den UHV‑Transfer zwischen den Laboren, führt site‑resolved ESR‑STM an den gekoppelten Systemen durch und rekonstruiert die zugrunde liegenden Spin‑Hamiltonianen, um emergente Quantenphänomene zu identifizieren.
Vorarbeiten belegen die Machbarkeit: Willke hat bereits ESR‑STM an einzelnen Transition‑Metall‑Ionen und an molekularen Spin‑Zentren (z. B. Fe‑Phthalocyanin) demonstriert, inklusive Rabi‑ und Hahn‑Echo‑Messungen. Kappes hat mit LEIBD massenselektive Ablagerungen von Fulleren‑Fragmenten und Metall‑Porphyrinen auf verschiedenen Substraten realisiert und die chemische Reinheit mittels MS‑TDS und XPS bestätigt.
Der erwartete Impact ist vielschichtig. Die Kombination von massenselektiver Ion‑Soft‑Landing und ESR‑STM stellt einen methodischen Durchbruch dar, der bislang an keinem Standort verfügbar ist. Sie liefert eine modulare Plattform, auf der beliebige molekulare Bausteine mit kontrollierter Spin‑Kopplung angeordnet werden können, und ist prinzipiell auf größere Biomoleküle (z. B. Metall‑Proteine) übertragbar. Langfristig entsteht ein offener Werkzeugkasten für die Forschungsgemeinschaft, der Grundlagenforschung, Quanten‑Information und Sensing‑Anwendungen miteinander verknüpft und damit die Basis für die nächste Generation molekularer Quantensimulatoren bildet.
Abbildung 1 | Designer‑Quanten‑Systeme über verschiedene Plattformen
Betreut durch

Manfred Kappes
Chemie & PhysikHector Fellow seit 2009

Philip Willke
Physik & Chemie

